Terminologie in der Schmerzphysiotherapie
Chronische Schmerzen
Chronische Schmerzen sind Schmerzen, die länger als 3 Monate andauern oder wiederkehren und sind multifaktoriell bedingt: biologische, psychologische und soziale Faktoren tragen zu chronischen Schmerzen bei. Chronische Schmerzen werden als eigenständige Erkrankung betrachtet. Man unterscheidet zwischen:
Chronisch sekundäre Schmerzen
Schmerzen, die mit anderen Krankheiten als Ursache verbunden sind und erst als Symptom angesehen wurden (z.B.: Kniearthrose). Auch wenn Schmerz trotz erfolgreicher Behandlung der Krankheit/Ursache bestehen bleibt, ist dies immer noch ein chronisch sekundärer Schmerz. (z.B.: Knie-TEP)
Chronisch primäre Schmerzen
Ausgeweitete und/oder örtlich wechselnder Schmerz, in ein- oder mehreren anatomischen Regionen, welche nicht durch eine chronische Erkrankung/Ursache erklärt werden kann und von erheblichen emotionalen Leidensdruck und/oder funktioneller Beeinträchtigung begleitet wird (z.B.: CRPS, “unspezifisches” LBP, Fibromyalgie…)
Perzeption
Ist ein bewusstes emotionales und verhaltensbezogenes Erleben von Schmerzen und wird in der Regel durch eine Visuelle Analogskala (0-100mm) oder einer Numerische Ratioskala (0-10) gemessen. Therapeutische Veränderungen werden erst ab 30% Reduktion (>2 Punkte/>20mm) als klinisch Relevant anerkennt.
Nozizeption
Ist ein neuronaler Prozess der Kodierung schädlicher Reize (mechanisch, thermisch, chemisch) in elektrische Signale, woraus ein Schmerzerleben entstehen kann, aber nicht muss. Nozizeption kann durch schmerzauslösende mechanische (Druckschmerz-Algometer, Pinprick etc.) und thermische Reize (Thermode, 8°C kalte und 45°C heisse Metallscheibe etc.) gemessen werden.
Periphere Sensibilisierung
Überempfindlichkeit von schmerzauslösenden Reizen (Hyperalgesie, nozizeptiven Neuronen erster Ordnung) auf eine periphere Stimulation. Typisch für die periphere Sensibilisierung sind Empfindlichkeiten eine auf Kälte und/oder Hitzereize (thermische Hyperalgesie ).
Zentrale Sensibilisierung
Eine Verstärkung, von aus der Peripherie ankommenden sensorischen und/oder normalen schmerzauslösenden Reizen im zentralen Nervensystem durch anhaltende Erregbarkeit von Nerven im Rückenmark (Neuronen zweiter Ordnung) welche zu einer Schmerzüberempfindlichkeit führen. Typisch für eine zentrale Sensibilisierung sind eine nozizeptiven Empfindlichkeit mechanischer Reize (Mechanische Hyperalgesie) im benachbarten betroffenen Gewebe (sekundäre Hyperalgesie) und/oder eine Schmerzempfindung auf nicht-schmerzhafte Reize (mechanische Allodynie) und/oder eine sich summierende Schmerzverstärkung auf wiederholte mechanisch schmerzauslösende Reize (wind-up Phänomen).
Schmerzmechanismen
Schmerzmechanismen sind Prozesse der Verarbeitung schmerzauslösender Reize, welche erklären, wie ein Schmerzerleben (Perzeption) im Zusammenspiel zwischen peripheren und zentralen neuronalen Aktivitäten entsteht. Man unterscheidet zwischen:
nozizeptiv
Schmerzen entstehen durch die Aktivierung schmerzauslösender Signale, durch tatsächliche oder potenziell gewebeschädigende Reize und die Verarbeitung dieser Aktivität im somatosensorischen System.
neuropathisch
Neuropathischer Schmerz ist definiert als Schmerz, der als direkte Folge einer Verletzung oder Erkrankung des somatosensorischen Systems (z.B.: Nervenverletzungen, Nerveneinengungen, Hirnschädigungen und -erkrankungen) auftritt
noziplastisch
Bei noziplastischen Schmerzen ist das nozizeptive System, das alle Stufen der Nozizeption vom schädlichen Reiz bis zur Wahrnehmung umfasst, überaktiv, ohne dass eine Läsion oder Erkrankung des somatosensorischen Systems oder eine periphere Aktivierung nozizeptiver Neuronen aufgrund einer tatsächlichen oder potenziellen Gewebeschädigung nachgewiesen werden kann.
Schmerzphänotypen
Schmerzphänotypen sind Klassifizierungen von Schmerzarten anhand ihrer Mechanismen. Man unterscheidet zwischen nozizeptiven, neuropathischen, noziplastischen Schmerzphänotypen.
Schmerzbedingtes Bewegungsverhalten
Ist ein durch ein Schmerzerleben (Perzeption) verändertes (maladaptives) Bewegungsverhalten. Man unterscheidet zwischen:
- Schmerzbedingten Vermeidungsverhalten
(nicht assoziativ durch Sensibilisierung erlernt: Ich bewege mich nicht, weil es weh macht) - Angst-Vermeidungsverhalten
(assoziativ durch klassische Konditionierung erlernt: Ich bewege mich nicht, weil ich Angst habe, dass etwas Kaputt geht) - Distress bedingtem Durchhalteverhalten mit schmerzhaften Flares (assoziativ durch operante Konditionierung erlernt: Ich muss trotz Schmerzen meine Aufgaben zwingend erledigen und dafür anschliessend Leiden)
-
Eustress bedingtem Durchhalteverhalten mit positiver Ablenkung und dem Gefühl der Kontrolle (Auch wenn Tätigkeiten schmerzhaft sind, führe ich diese weiter durch, weil ich mir meine Bewegungsfreiheit durch Schmerzen nicht nehmen lassen will.
Graduiertes Bewegungstraining
Ist eine spezielle Form des Bewegungstrainings, wobei unterschwellige nozizeptive Reize während der Ausführung, in einer definierten Anzahl Wiederholungen, ausgehalten und graduiert (stufenweise) gesteigert werden. Man unterscheidet zwischen:
- Graded Activity (Belastung nach Plan mit quotenbasiertem Pacing) bei Schmerzbedingten Vermeidungsverhalten
- Graded Exposure (Angstüberwindung durch Bewegung) bei Angst-Vermeidungsverhalten
- Graded Balance (Belastung innerhalb eigener Grenzen mit schmerzbasiertem Pacing) bei Durchhalteverhalten mit schmerzhaften Flares
- Graded Motor Imagery (Spiegeltherapie) bei neuropathischen Schmerzen
Pacing
Pacing ist eine aktive Selbstmanagement-Strategie, bei der die Betroffenen lernen, ein angemessenes Verhältnis zwischen Aktivitäts- und Ruhezeiten zu finden, um eine verbesserte Funktion und Teilnahme an bedeutsamen Aktivitäten zu erreichen